Ex Voto

14.05. – 05.06.2021  | Ein Gastprojekt Von Dr. Olena Balun In Der Galerie Smudajescheck Mit Max Theo Kehl, Lara Koch, Claudia Starkloff, Hannes Stellner
Mittwoch–Freitag 14–18 Uhr + Samstag 12–16 Uhr

© Claudia Starkloff / 365 ROSEN … ein Tagebuch, Klosterarbeiten,
Fotografie, digitale Performance seit dem 24. Januar 2021, andauernd

Ex Voto. Eine Glaubenssache

Die Kunst ist längst zu einer Ersatzreligion in der säkularen Gesellschaft geworden, mit eigenen Propheten, Pilgerstätten und Reliquien. Das Irrationale der schöpferischen Tätigkeit, die Aura des Magischen und Geheimnisvollen spielt hierbei eine große Rolle. Es gibt keinen definierbaren, allumfassenden Kunstbegriff, die Kunst erschließt sich nicht sofort und gerade dieses Unergründliche macht sie zur „Glaubenssache“, deren Wirkung sinnstiftende Kraft und Erleuchtung zugestanden wird (Wolfgang Ullrich, 2013). Sowohl die Idee vom Kunstwerk als Annäherung an eine mystische Erfahrung als auch die künstlerische Aneignung religiöser Vorstellungen bildet den Ausgangspunkt für die Ausstellung „Ex Voto“.  

Ex voto bedeutet „aus dem Gelübde heraus“ und ist eine typische Inschrift auf Votivgaben, die als Einlösung eines Versprechens aus Dankbarkeit für eine Rettung aus einer Notlage gestiftet werden. Im Werk der Künstlerin Claudia Starkloff spielt die Praxis der Votivgaben in vielfacher Hinsicht eine wichtige Rolle. Seit Längerem befasst sie sich mit der barocken Tradition der Klosterarbeiten, der kleinen Zierwerke aus Golddraht und Perlen, die ursprünglich zur Ausstattung der Altäre und Schreine gefertigt wurden. Für die Installation „365 Rosen“ stellt die Künstlerin seit mehreren Monaten kleine Goldblüten her, jeden Tag eine. Das ist ein persönliches Gelübde, ein goldenes Tagebuch, das als Überwindung eines durch die Pandemie ausgelösten Tiefpunkts anfing. Die Blüten werden in nummerierten und datierten Kästchen präsentiert, was sie wie Keimlinge erscheinen lässt. Der Garten als Hoffnungsbild. Die Künstlerin sieht das Gärtnern als Metapher der künstlerischen Tätigkeit: man sät geordnet, der Garten lässt sich gestalten, gleichzeitig verselbstständigt er sich durch ständige Wachstumstransformation. Viele Konzepte von Claudia Starkloff sind mit dem Thema des Gartens verbunden. Ihre Goldblüten gehen auf den Gedanken des Hortus conclusus zurück, mit Goldblüten verwandelt sie Räume zu Reliquienschreinen, zum persönlichen Paradiesgärtlein. 

Im christlichen Kontext ist der Hortus conclusus – der „geschlossene Garten“ – ein Bildmotiv, das für die Reinheit Mariä und den Garten Eden steht. Ein Ort, zu dem nur Auserwählte einen Zutritt haben. Der Eintritt Gottes in den Hortus gleicht einer Empfängnis. Aus der kirchlichen Interpretation gelöst, wurde er zum Sinnbild für einen ideellen, inneren Topos der Inspiration und der transzendental-sinnlichen Erfahrung. Die Kunstentstehung würde in dem Fall einer Offenbarung gleichen. Für Max Theo Kehl ist der Hortus conclusus genau das:

„ein mannigfaltiger Quell für Poesie und Momente der Vollkommenheit... Etwas, was sich nicht einfangen lässt, sondern rechtzeitig (oder zufällig) erkannt werden muss, wahrgenommen und wertgeschätzt... ein Geruch, ein Tier, eine Intimität, eine Berührung, eine Pflanze im Wind, ein Geräusch, Augenblicke (buchstäblich), die einen spüren lassen, dass man lebt, dass man diesen goldenen Funken in sich trägt und auf unerklärliche Weise seinen Moment hat, um wie das Glühwürmchen in voller Dunkelheit kurz aufzuleuchten und wieder zu verlöschen... Hier kommt für mich der kontemplative Aspekt zu voller Blüte... Für mich beinhaltet der emotionale Aspekt des Hortus conclusus die gesamte Dimension des Kosmos“ (Max Theo Kehl, Korrespondenz, 2021), so der Künstler. Diese Vorstellungen leiteten ihn in den letzten zwei Jahren zur Entwicklung seiner „Mondgartenbilder“. Diese Serie ist eine Art poetische Partitur, in der musikalische und dichterische Improvisationen eine Form in zarten Traumlandschaften finden. Der „Mondgarten“ ist in verschiedenen Blautönen gehalten, einer bedeutungsträchtigen Farbe der Romantiker und Symbolisten. Symbolisch steht Blau dem Gold nah. Um die himmlische Sphäre als göttliche darzustellen, verwendete man seit dem 4. Jahrhundert in der abendländischen Kunst den Goldgrund. Im Spätmittelalter gab es jedoch einen Meister, dessen Blaugrund den Goldgrund in der mystischen Wirkung beinahe übertrifft: Giotto, die Referenz für Max Theo Kehl. 

Mit seiner Anschauung steht Max Kehl der symbolistischen Geisteshaltung nahe. Das kann auch über den Bildhauer Hannes Stellner behauptet werden. Seine künstlerische Laufbahn begann als Madonnenschnitzer. Inzwischen ist die Religion kein explizites Thema seiner Arbeiten mehr, aber Spiritualität und Mystik sehr wohl, Rainer Maria Rilke ist eine wichtige Bezugsfigur für den Bildhauer. In Stellners Arbeit „Der Panther“ ist auf 12 schlanken Pfeilern Rilkes gleichnamiges Gedicht in einem filigranen Ornament aus 1500 Buchstaben angebracht. Aus diesem Käfig findet der Panther kein Entkommen, ein edles Raubtier als Sinnbild für einen gefangenen Künstler, eine typische antibürgerliche Metapher des Symbolismus. In jener Epoche sind Kunstschaffende die Hauptakteure im quasi-religiösen „Glaubenssystem“ (Romano Guardini, 2016). In diesem System weicht Frömmigkeit verklärten Leidenschaften, der Weg zur Offenbarung liegt durch mystisch-sinnliche Erfahrungen, und überhaupt erklärt Rilke die Künstler zu späten Urenkeln Gottes, in denen letzterer sich vollende (Reiner Maria Rilke, 1898). Von Blasphemie ist nicht die Rede, die Künste sind in dieser Vorstellung eine logische Transformation des Religiösen, Mythologien verschiedener Herkunft verschmelzen hier miteinander. So erlangt beispielsweise der antike Held Orpheus eine besondere Stellung in diesem Kosmos: Musiker und Dichter, der die beseelte und unbeseelte Welt durch seine künstlerische Gabe verzauberte, der in die Unterwelt der Liebe wegen hinabstieg, ein perfekter Märtyrer und Heiliger der Kunstreligion. Seine musikalisch-poetische Gabe im Sinne der Synthese der Künste regte über Jahrhunderte hinweg viele dazu an, den Klang in Bildender Kunst einzufangen, zum Ausdruck zu bringen. Max Kehl folgt diesem Wunsch in seinem „Mondgarten“, Hannes Stellner in den Ohrenplastiken. Letztere sind als idealisierte Bildnisse eines fühlenden und denkenden Menschen gedacht, denn Hören ist ein Empfinden, das wiederum sehr nah am Verstehen liegt.

Bei Lara Koch findet das Thema der Musik, Sinne und Sinnlichkeit eine sehr delikate und körperliche Entfaltung. Die Künstlerin arbeitet viel mit dem Abbild des eigenen Körpers. Ihre Plastik „Clavicule“ ist ein Selbstbildnis aus Gips mit einem in Bronze gegossenen Schlüsselbein, das wie ein Türgriff berührt werden sollte, um die Skulptur in sanfte Bewegung zu bringen. Eine kleine Hand aus Bronze, eine Nachbildung der eigenen Hand der Künstlerin, dient als Gegengewicht zur Mund-Hals-Schlüsselbein-Partie. Musikalität des französischen clavicule, symbolfähige „Schlüssel“-Komponente des deutschen Äquivalents, all diese Anklänge sind von der Künstlerin intendiert, auch die Erinnerung an den Brauch, es soll Glück bringen, Bronzefiguren im Vorbeigehen zu streicheln. Viele Arbeiten der Künstlerin in der Ausstellung bringen mit ihrer expliziten Sinnlichkeit die Sehnsucht nach Berührung, die in letzter Zeit eine starke Bedeutungswandlung durch die Pandemie erlitten hat, zum Ausdruck.

Die Sinnlichkeit und die Religion sind seit langem ein Problempaar, doch die Kunst schafft es immer wieder sie zu versöhnen. Selbst der Hortus conclusus geht auf eine erotische alttestamentarische Dichtung, das Hohelied Salomos, zurück. Die Frührenaissance schafft es, Marias Keuschheit mit den Reizen der Venus in Botticellis Gemälden zu vereinen. Petrarcas Laura und Dantes Beatrice sind seliggesprochene Musen, die späteren Epochen, allen voran dem Symbolismus, jede sinnliche Transzendenz legitimierten. Und auch die Rollenzuschreibung in diesem Glaubenssystem ist fließend. Es bleibt offen, ob der Künstler der Heiland oder die Jungfrau im Hortus conclusus sei. Wäre die Muse dann ein Verkündigungsengel? In Rilkes  „Verkündigung Mariä“ kommt der Engel dem Orpheus gleich, um die frohe Botschaft zu singen, und dann verlieben sich er und die Jungfrau auch noch ineinander... 


© Olena Balun