Maikäfer flieg.
Tanja Fender
17. April – 17. Mai 2024 – Kuratiert von Dr. Olena Balun
Eröffnung am 17. April,19 Uhr
Adresse: 84 GHz Kultur im Keller, Georgenstr. 84, 80799 München
„Maikäfer flieg / Der Vater ist im Krieg / Die Mutter ist im Pommerland / Und Pommerland ist abgebrannt“
Volks- und Kinderlied, wird auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges datiert
Die Ausstellung „Maikäfer flieg“ ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung Tanja Fenders mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Die Arbeit an dem Konzept hat bereits 2022 begonnen.
Wie kein anderer Krieg zuvor wird dieser mit ungeheurer Intensität in den Medien ausgetragen. Eine Bilderflut machte zwar die Menschheit zu Zeugen der Gräueltaten, die Evidenz des Schrecklichen führte aber nicht zur Lösung. Einer der Gründe liegt nicht zuletzt darin, dass Desinformation, Manipulation und dreiste Faktenverdrehung zu wirksamen Mitteln des totalitären Regimes zählen, um den Krieg zu rechtfertigen und das eigene Volk gefügig und mundtot zu machen.
In zahlreichen Aquarellen und Plastiken reflektiert Tanja Fender über die Geschehnisse der letzten zwei Jahre. Jede ihrer Arbeiten ist eine tiefe Auseinandersetzung entweder mit den inzwischen bekannten Medienbildern – inklusive Propaganda – oder mit den Hintergründen und Lebensumständen, die hierzulande viel weniger bekannt sind. Die Künstlerin, die ihre Kindheit und Jugend in Kuzbass in Sibirien verbracht hat, wendet ihren Blick auf die russische Provinz, in der Rückständigkeit, obsolete patriarchale Strukturen, Misogynie und Intoleranz, alltäglicher Rassismus und enorme wirtschaftliche Mängel zum Alltag gehören. Die Misere macht mürbe und resultiert entweder in der Apathie und Gleichgültigkeit oder in der bereitwilligen Unterstützung des Regimes und des Krieges. Der brutale Frauenschläger in der Aquarellserie, der den Gürtel mit der schweren Schnalle zur Kindererziehung nutzt, ist in seinem inneren nur noch ein elendes ängstliches Nagetier. Aus der Provinz werden viele Menschen für den Krieg eingezogen, überzeugt mit Geldsummen, die märchenhaft für jene Regionen erscheinen. Pläne für nach der Rückkehr scheitern jedoch oft, selbst wenn man diesen Fleischwolf überlebt. Fehlende Gliedmaßen, gebrochene Psyche lassen einen das Leben danach nicht mehr genießen – auch dazu gibt es schonungslose Bilder der Künstlerin. Rekrutiert werden gern auch ethnische Minderheiten. Symbolisch steht dafür das Bild des zerfleischten Rentieres. Rentierhaltung ist verbreitet im Norden Russlands, im Fernosten und in Sibirien bei Komi, Jakuten, Nenzen, Saami, Chanten, Tschuktschen, Ewenken und einigen weiteren Nomadenvölkern, die von Russland kolonisiert wurden und die heute als Kanonenfutter an die Front geschickt werden.
Die Arbeiten führen zu unbequemen und erschreckenden Erkenntnissen, wie eine Sektion, die viele Geschwüre offenlegt, fern von jeglicher Romantisierung.
Ausstellungsansichten, Fotos Tanja Felder