ECHO – TRADITION IN TRANSITION
Die Zusammenarbeit von Lena Engel, Patrik Graf, Moritz Steinhauser, Leonard Senholdt und Maximilian Engel hat vor einem Jahr mit einer Almresidency in Tirol begonnen. Die künstlerische Erkundung der Umgebung und daraus folgende Recherchen wurden impulsgebend für die Ausstellung „Echo – Tradition in Transition“. Darin nehmen die Kunstschaffenden Bezug auf unterschiedlichste Traditionen, transformieren ihre Elemente und schaffen so einen Übergang zur eigenen künstlerischen Praxis.
14.-19. Mai 2024 im PATHOS Theater
Mit Lena Engel, Patrik Graf, Moritz Steinhauser, Leonard Senholdt und Maximilian Engel, kuratiert von Dr. Olena Balun
Ausstellungsansicht, Foto Lena Engel
Die Videoarbeit „Cocooned Connection“ von Lena Engel und Patrik Graf zeigt eine nächtliche Schneelandschaft in den Bergen. Rosa schimmernd erstreckt sie sich im Mondschein bis zum Horizont, den Bergspitzen säumen. Das einzige sich bewegende Objekt in dieser stillen erhabenen Szenerie ist ein transluzenter, von innen beleuchteter Stoffballon mit zwei Figuren darin. Ihre langen, anmutigen Schatten wiegen und taumeln wie im Tanz. Langsam, kaum merkbar bewegt sich dieser Kokon nach rechts, bis er irgendwann den Bildausschnitt verlässt. Das Duo arbeitet mit Ideen, die viele Vergleiche zur Romantik erlauben. Jene Epoche hat die Berge zum Inbegriff des Erhabenen und der absoluten Freiheit verklärt. Der Wunsch sie zu bezwingen, geht unabdingbar mit Demut einher. Der Aufstieg in die Höhe ist zugleich eine Suche nach der inneren Erfüllung, je höher man steigt, umso tiefer blickt man in sich hinein. Diesen Gedanken der inneren Einkehr, die jedoch nicht zwangsläufig eine Geborgenheit bedeutet, bringt der Kokon gut zum Ausdruck. Die Dreharbeiten erfolgten am Schnalstaler Gletscher in 3000 m Höhe. Ihren Kokon haben Patrik Graf und Lena Engel aus Skytexx genäht, einem Hi-Tech-Stoff für Flugobjekte. Neben der praktischen Leichtigkeit und Windbeständigkeit lässt das Material den durchaus romantischen Traum vom Fliegen wörtlich mitschweben. Mit Luft und Licht befüllt, wurde die Hülle für die Performance von den beiden Kunstschaffenden betreten. Im Kokon war es laut, kalt und instabil, bei schlechter Sicht und starkem Wind. Das, was von außen wie ein Schattentanz aussieht, war ein Kampf um den Kontrollerhalt. Der Ton der Videoinstallation gibt einen Eindruck über diese wenig idyllischen Verhältnisse und bringt eine Störung in das hypnotisch-schöne Erscheinungsbild, was ein wesentlicher Punkt der Arbeit ist. Konstruierte Landschaften mit idealen Kompositionsstrukturen sind charakteristisch für die Kunst der Romantik. Durch das schöne und künstliche Ordnungsgefüge schuf man sich in der Kunst einen sicheren Standort, den man in der Wirklichkeit des Lebens nicht mehr hatte.1 Engel und Graf möchten mit ihrer Arbeit gerade diese Ambivalenz zwischen Wunschvorstellung und Realität vor Augen führen. Sie zeigen, dass hinter dem vordergründigen, sorgfältig konstruierten Bildidyll ein von Abenteuerlust geleitetes Experiment steht, das technische Möglichkeiten und persönliche Ausdauer auf die Probe stellt.
Lena Engel und Patrik Graf, “Cocooned Connection”, 2024
Eine andere Art der Herausforderung und eine sehr spezielle Tradition beschäftigt Moritz Steinhauser. Er befasst sich mit den Traditionen der Freinacht, des 1. Mai und mit all dem, was sich unter dem Begriff des Postvandalismus zusammenfassen lässt. Dieser verhältnismäßig neue Ismus wurde dem gleichnamigen Instagram-Account des Künstlers und Kurators Stephen Burke entlehnt. Er stellt die künstlerische Ästhetik und Praxis von der Straße mit diversen Elementen des zivilen Ungehorsams in den Mittelpunkt. Das Ganze als Spaß und Provokation aufgefasst mit Freude an einer „zerstörerischen Partizipationspraxis“ und einer allgemeinen spitzbübischen Auflehnung gegen die Erwachsenenwelt.2 So gehören zu Moritz Steinhausers Praxis Graffiti, eingeritzte Zeichen, Karikaturen und performative Aktionen. Die Erste-Mai-Tradition, die aufgrund der Revolten und Freinacht im Postvandalismus ihren festen Platz hat, spielt für seine Arbeit eine große Rolle. Als Pfadfinder ist er mit Maibaumriten – bewachen, entführen, mit Zunftschildern schmücken – gut vertraut. Für die Ausstellung stellt er im Comic-Stil gezeichnete Schilder her, die der Zunft der Scherzbolde und Tunichtgute, die Gegenstände in der Freinacht wegtragen. Verzogene, entführte Sachen stehen auch im Mittelpunkt der Fotoserie „Verzogen“, die der Künstler in der Nacht vom 1. Mai 2023 und 2024 gemacht hat. Darauf hängen recht malerisch Stühle und Milchkrüge in den Bäumen, Einkaufswägen und Eimer mit Farbe stehen zu skulpturalen Installationen übereinander gestapelt. Den Streich als künstlerische Methode wählt Moritz Steinhauser aus mehreren Gründen. Ihn bewegt der Gedanke, dem Humor mehr Raum in der Kunst zu ermöglichen. Den Künstler beunruhigt die Beobachtung, dass das Kindlich-Spielerische immer weniger Platz dort bekommt. Dabei ist guter Humor selbst bei ernsthaften Themen wirksam und manchmal sogar heilsam, er kann hinterfragen, ohne zu belehren. Ein weiterer Grund mit verzogenen, entfremdeten Gegenständen zu arbeiten und sie zu temporären Skulpturen zu transformieren, ist ökologischer Natur und richtet sich gegen die übermäßige materielle Neuproduktion, die in der Kunst ein leider zu wenig thematisiertes Problem ist.
Moritz Steinhauser, Maibauminstallation, Foto Lena Engel
Fotoreihe Moritz Steinhauser, Skulptur Maximilian Engel
Transformation des Vorhandenen ist ein Ansatz, den auch Maximilian Engel verfolgt. Er dekonstruiert traditionelles Handwerk und überträgt seine Formen in ungewöhnliche Materialien, so dass im Ergebnis spannende hybride Arbeiten entstehen. Die Installation „Zaun“ ist bispielsweise eine genaue Aluminium-Nachbildung des Holzgeländers auf der Tiroler Alm. Bei der Formübertragung sind Teile der bereits verwitterten geschnitzten Holzlatten ausgebrochen, so dass entstandenes Muster in der Aluminiumfassung eine barocke Unregelmäßigkeit erhält. Die Schutzfolie auf dem Metall wurde nur teilweise entfernt und Funktionsaufschriften darauf wurden zur Zufallspoesie nobilitiert. Ein weiteres Objekt, ein Tiroler Bauernstuhl, wurde vom Künstler in seinem Ursprungsmaterial erhalten, aber dekonstruiert und nach der alten Holzimprägniermethode abgeflammt. Das Holz hatte feine Fraßspuren der Borkenkäfer, die das Interesse des Künstlers erweckt haben. Diese zarten, grafischen, spontanen Muster des Zerfalls betrachtet er als einen schönen Gegensatz zur beabsichtigten Gestaltung. Naturkundliche Zeichnungen der Fraßbilder wurden zur Grundlage für eine weitere Aluminiumarbeit. Ihre Rückseite bildet eine solche Zeichnung getreu ab, die Gänge wurden aber nur einseitig gefräst. Die zweite Hälfte behielt die allgemeinen Umrisse der Fraßfläche, wodurch eine feine, unregelmäßige, fließende Form entstanden ist, im Ansatz ähnlich der Zaun-Skulptur. Material- und Formwandlungen verteilt der Künstler in feinen Akzenten im gesamten Raum: Stuhlbeine hängen wie verzogene Freinachttrophäen zwischen den Fenstern, weiße tentakelartige Formen aus Plexiglas umspielen die schwarz geflammte Lehne, Wegweiser mit Zeichnungen und kurzen Botschaften schlägt eine Blickrichtung vor und eine korallenförmige Silhouette winkt aus der Kante der Raumstütze.
Maximilian Engel, Holz/Plexiglas, Foto Lena Engel
Maximilian Engel, Holz/Plexiglas, Foto Lena Engel
Leonard Senholdt befasst sich ebenfalls mit traditionellen handwerklichen Materialien und deren Transformation. Für seine Installation wählte er den sogenannten „Käseleinen“, der in traditioneller Käseherstellung verwendet wird. Dieser Stoff hat eine besondere, lockere Webstruktur, körnigen Griff und durch die Pektine einen Stand und Strapazierfähigkeit, die spannende Möglichkeiten für plastische Gestaltung gewähren. Der Künstler hat die Maschen im Stoff verzogen und sie mit einem Kamm bearbeitet, bis die Oberfläche ein reliefartiges Muster erhielt. Im Aufzugsschacht raumhoch und schwebend untergebracht, von unten beleuchtet, gewinnt die Installation nach oben eine skulpturale Festigkeit und eine illusionistische Wirkung.
Leonard Senholdt, Foto Lena Engel
Leonard Senholdt, Foto Lena Engel
Eine sehr besondere gemeinsame Installation, die den Beginn der künstlerischen Zusammenarbeit der Gruppe im Mai vor einem Jahr in Erinnerung ruft, ist der zerteilte, jeweils individuell gestaltete und in der Ausstellung neu zusammengefügte Maibaum. Lena Engel hat ihren Abschnitt mit Moos partiell verkleidet und die Borkenkäferspuren farbig hervorgehoben – ein Echo zu Maximilian Engels Arbeit. Letzterer hat den Stamm abgeflammt und in die schwarze Oberfläche Nachzeichnungen der Wurmspuren sowie Inschriften eingefräst, wie man sie häufig auf Wanderwegen in Bäume eingeritzt vorfindet. Damit bringt er Naturzeichnungen geschickt mit dem Postvandalismus zusammen und verdoppelt die Wirkung, indem er in Spalten im Stamm Plexiglasflächen einsetzt, auf die er besagte Muster nochmal überträgt. Moritz Steinhauser, der ideenstiftend für diese Installation war, nutzt den Stamm als Hängefläche für seine postvandalistischen Zunftschilder. Und Leonard Senholdt gestaltet seinen Abschnitt auch mit einer gewissen Ironie. Er hat aus den abgehobelten Spänen von seinem Baumstück und Zellulose den Stamm als Hülle abgeformt und diese für die Neuzusammensetzung verwendet. Wie bei der Stoffskulptur ging es ihm hier um die Umkehrung der Materialcharakteristika, diesmal vom Schweren ins Leichte. Patrik Graf hat durch den Einsatz von zahlreichen Keilen seinen Stammabschnitt gekrümmt – im Sinne der Transformation als Leitgedanken dieser Ausstellung.