Bei mir zu Hause
ist immer Weihnachten  

9. – 23. Dezember 2021 | Mit Patrik Graf, Philipp Stähle, Herbert Nauderer und Jakob Gilg zu Gast bei Moodmag – Kuratiert Von Dr. Olena Balun
Adresse moodmag: Einsteinstr. 131 – Eingang Versailler Straße, 81675 München (Dienstag–Samstag 13–19 Uhr)

Philipp Stähle, o.T., 2020, Lack, Acryl, Pastellkreide auf Leinwand, 100x80cm

„Bevor das Eigentliche anfängt: Home improvement. Denn das Self-optimizing fängt zuhause an. Vor der eigenen Haustür kehren und auch im Inneren. Kehren, Wände, streicheln usw. Upgrade, upgraden. Die Dinge neu ordnen. Gegenständen einen Platz geben, an dem sie auf ihren Einsatz warten können.“

Philipp Stähle, Home Story II

„– and if you're not good directly,“ she added, „I'll put you through into Looking-glass House. How would you like that?

...First, there's the room you can see through the glass – that's just the same as  our dining room, only the things go the other way.“

Lewis Carroll, Through the Looking Glass and What Alice Found There

Ausstellungsansicht von links: Philipp Stähle, Patrik Graf, Herbert Nauderer

Herbert Nauderer, Mausmann, 2021, Bronze

Der Titel der Ausstellung wurde von einem Text von Philipp Stähle inspiriert. Die Schau wird als weihnachtliches Noir inszeniert: glänzend, leicht übertrieben, ein wenig unheimlich – ähnlich wie Lewis Carrolls „Looking-glass House“. 

Eine kinetische Skulptur von Stähle leitet in die Ausstellung ein. In einer Haus-vom-Nikolaus-Architektur fährt eine Modelleisenbahn mit flackernden Lichtern in Dauerschleife auf einem kreisrunden Schachbrett, umgeben von einer Winterlandschaft. Die Nacktheit der Landschaft irritiert beim genaueren Hinsehen. Die Bäume offenbaren sich als Schrauben, eine davon durchbohrt den Fuß der in der Mitte des Schachbretts stehenden Figur. Der gesichtslose Blick der gebeugten Gestalt richtet sich auf ihre Hand mit einer kleinen, blauen Spielfigur darin. Festgenagelt mitten in einem strategischen Spiel, als Beobachter oder Passagier von einem pausenlos kreisenden Zug mit Party oder Alarmlichtern darin, in der Hoffnung, dass der Zug nicht entgleist, im Versuch sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Motive und Themen dieser Skulptur sind ein konzentriertes Beispiel dessen, was den Künstler in seiner Arbeit beschäftigt. Philipp Stähles Werke sind von charmanter Tragikomik geprägt. Das elegante Verhältnis der beiden Elemente macht den besonderen Reiz aus.

Herbert Nauderer, Wolke, 2021, Lithographie

Das Spiel mit den Unsicherheiten in unserer Wahrnehmung ist ein Wesenszug von Herbert Nauderers Arbeit. Sein Oeuvre ist von einer bewusst dunklen Ästhetik geprägt und zielt sowohl auf die intellektuelle als auch auf die emotional-sinnliche Wahrnehmung. Die prägnante Handschrift dieser Werke vereint eine elegante, nordisch-morbide Schwärze und comichafte Züge mit der düsteren Beschaffenheit eines Goya. Das Comichafte ist zwar nicht heiter, dennoch wohnt diesen Werken subtiler Witz und eine kluge Ironie inne. 

Patrik Graf, o.T., Bricolage, 2021, Plastikabfälle, Birkenteer, Tiersehnen

Vordergründig spielerisch und im Kern doch recht ernst geht Patrik Graf bei seinen Bricolagen vor. Sein Arbeitsmaterial ist vorgefundenes Spielzeug und bunter Plastikmüll. Er demontiert Körper kleiner Kunststofftiere und setzt sie mit überproportional großen Geräten mithilfe des eigen hergestellten Birkenteers zusammen. Daraus resultierende kindlich brutale Ästhetik, das vermeintlich Infantile und Unbeholfene sind rhetorische Griffe zur kritischen Auseinandersetzung mit eindringlichen Themen wie Konsumverhalten, Wertigkeit und auch Bildwürdigkeit. Derzeit arbeitet der Künstler an einer VR-Animation der Figurinen, was ihnen ein Stück spielerischer Leichtigkeit zurückgeben würde – eine interessante Wendung bei aller Ernsthaftigkeit der darin verborgenen Themen. Die Bildwürdigkeit wird ganz stark auch bei den Schmuckobjekten kommuniziert, insbesondere bei den Broschen aus echten Schweineschnauzen. Wie bei den Bricolagen wird auch hier aus dem Überfluss entstandener Abfall durch Kunst nobilitiert. Diese Schmuckstücke sind fragil und befremdlich schön. Ihre Rückseite ist golden. Das Gold ist nicht echt, sondern Farbe, die auch noch bewusst von den meisten Blicken verborgen wird, symbolisch als schöner Schein gewählt, um Aspekte wie Überschwang und Wertigkeit zu hinterfragen. Der Wert einer solchen Brosche wird nach aktuellem Preis eines Mastschweins errechnet. Durch das Tragen wird dieser Schmuck zur Kunst im öffentlichen Raum und noch stärker zum Diskussionsobjekt über Schönheit und Konventionen.

Jakob Gilg, GMO, 2021,
Aquarell auf Büttenpapier, 32x24 cm

Mit bewusst glatter, bunter, glänzender und kitschiger Ästhetik geht Jakob Gilg an sein Mobile heran. Die Skulptur ist extra für die Ausstellung entstanden. Inspiriert von der weihnachtlichen Vorfreude ist dem Künstler eine sympathische Persiflage auf das „wichtigste Fest des Jahres“ gelungen, ein Kunstwerk, das Dekoration darstellt und dennoch keine ist. Jakob Gilg ist in erster Linie Maler, und die Farbe ist sein wichtigstes Mittel zur Darstellung der widerspenstigen Schönheit, die er in seinen Aquarellen bis ans Äußerste treibt. Dort wird eine surreal modifizierte Welt mit organischen Formen aufgebaut, die mit gesteigerter, radioaktiv wirkender Farbigkeit getränkt ist. Überspitzte Farbharmonie nutzt der Künstler, um ein Gefühl an der Grenze vom Vertrauten und Bedrohlichen zu schaffen, was eine besondere Schönheit dieser Arbeiten ausmacht. 

Oben: Zeichnungen von Philip Stähle,
Unten: Bricolagen von Patrik Graf und Lithographie von Jakob Gilg

Patrik Graf, Broschen