KunstSchauFenster ist ein kuratorisches Ausstellungsprojekt im Pop-Up-Format, welches im November 2018 gegründet wurde und wie eine Galerie ohne festen Raum funktioniert. Konzepte hierfür entstehen stets aus unmittelbarer Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern. Besonderer Wert wird auf die Vermittlung gelegt: Einführung, Künstlergespräche und Führungen sind ein fester Bestandteil jeder Schau.
Das Projekt hat den Hauptsitz in Rosenheim und wird von mehreren Partnerinstitutionen unterstützt, die ihre Räume zur Verfügung stellen. In Rosenheim sind es Designstudios x-height, strickraum und ab 2020 bombillas. Einzelne Ausstellungen in München finden in den Räumen der Galerie Smudajescheck statt.
In der Regel entstehen extra für die Ausstellungen grafische und plastische Editionen und Unikate, die in den Ausstellungen und darüber hinaus auf Anfrage zu erwerben sind. Eine Auswahl der Offerten ist online zu finden.
Im Rahmen des Projekts besteht eine Zusammenarbeit mit Klaus Schmid. Seit 1987 betreibt er eine Werkstatt und Verlag für Druckgrafik mit Schwerpunkt Kupferstich in Rosenheim. Dort sind unter anderem Editionen von solchen Künstlern wie Jerry Zeniuk, Günter Brus, Peter Tomszicek, Juliao Sarmento sowie documenta IX-Teilnehmer Jonathan Lasker produziert wurden. Galerie Klüser, PIN. Freunde der Pinakothek sowie Lenbachhaus München haben an ihn auch schon Aufträge erteilt. Einzelne Editionen des Verlags können über Anfrage bei KunstSchauFenster erworben werden.
Sommernachtstraum – Peter Pohl
20.08.2020 – 05.09.2020
Ludwigstr. 4, 83022 Rosenheim, Do-Sa 16–19 Uhr
-
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Sommer in Rosenheim" mit Unterstützung der Landeshauptstadt Rosenheim bezog das KunstShauFenster mit der Ausstellung von Peter Pohl „Sommernachtstraum“ für 3 Wochen ein Offspace in der Rosenheimer Innenstadt. Für Peter Pohl sind Insekten und Spinnentiere seit mehreren Jahren die wichtigste Inspiration. Der Grund dafür liegt in einem Kindheitserlebnis auf der kroatischen Insel Losinj. Als kleiner Junge entdeckte er eine schlüpfende Singzikade, die in der Sonne die Larvenhaut verließ in sich entfaltete. Diese beeindruckende Metamorphose wurde entscheidend für den Künstler, für alle seine Themen, Motive und Formen die in seiner künstlerischen Laufbahn später kamen.Ohne die Insekten direkt nachzubilden, schafft er Plastiken, die an Chitinpanzer, Insektenbeine und Flügel erinnern. Käfer, Heuschrecken, Spinnen und Schmetterlinge werden vom Künstler genauestens studiert, in zahlreichen Skizzenbüchern festgehalten, um in abstrahierter Form auf die Leinwand, Papier oder in Skulpturen übertragen zu werden. In der Ausstellung "Sommernachtstraum" wird das Miniaturuniversum dieser Wesen ins Überdimensionale übertragen, um mit Skulpturen und Videoinstallationen eine surreale Welt von bizarrer, manchmal auch verstörender Schönheit zu eröffnen. Die Baustellensituation des Offspace steigert diesen Eindruck zusätzlich. Die Hauptgruppe der Schau sind großformatige Werke, die in einer so großen Anzahl zum ersten Mal ausgestellt werden. Die Riesen sind fragil. Ihre Drahtskelette sind mit PU-Schaum und Tüll bekleidet und mit schimmernden Autolacken besprüht. Sie erinnern an einzelne Spezies, der Künstler selbst spricht sogar vom Skorpion, Spinnen und einer Schlupfwespe, dennoch ist es nur eine Hommage an diese Wesen. Dem Künstler ist es besonders wichtig das Naturvorbild zwar erkennbar zu machen, aber es auch gleich mit der bewussten Künstlichkeit der Darstellung zu konterkarieren. So hält er die Balance dieser Werke. Hinzu kommen zwei Videoarbeiten. Diese gehen auf besagte Skizzenbücher des Künstlers zurück, inzwischen ist es ein Konvolut von beinahe 100 Stück, voller Kohlezeichnungen, eins davon wird ausgestellt, in einem anderen zeichnet der Künstler immer wieder live während der Ausstellung. Für das Video wurden mehrere Zeichnungen digitalisiert, in Negativform mit Farbenumkehrung überarbeitet, um anschließend in den Videos ineinander geblendet zu werden, was bei der Projektion für spektakuläre Bilder sorgt, die langsam auftauchen, immer deutlicher werden und schließlich wieder verblassen oder von neuen Motiven überblendet werden. Diesen Bilderfluss begleitet eine Soundatmo, die ebenfalls von der Insektenwelt inspiriert und extra für diese Schau vom Tonmeister, dem Sohn von Peter Pohl, Philipp Pohl, komponiert wurde. Dafür wurde eine Tonspur mit dem Zikadengesang in Kroatien aufgenommen, in einzelne Sequenzen zerschnitten und dann wieder synthetisch zusammengefügt. Insektengesang ist nach wie vor erkennbar, wird aber stellenweise zu einem Beat. Auch hier war die Kombination zwischen der Natürlichkeit und Künstlichkeit ein wichtiger Gedanke. Die letzte kleine Ausstellungsgruppe sind Werke aus Porzellan, eine Serie, die mir der Ausstellung „Imago“ (KunstSchauFenster 2019) initiiert wurde. Mithilfe von Schalungen formte hier der Künstler Larven-, Käfer-, Panzerartige Figurinen. Mehr dazu in der kuratorischen Besprechung der Ausstellung „Imago“ unten. Eine essentielle Idee, den der Künstler in der Ausstellung verfolgte, ist die der Schönheit, einer Schönheit, die Zeit braucht, um erkannt zu werden. Als Künstler sagt er, dass man beim Arbeiten die Schönheit nicht vermeiden kann, weil der Mensch danach immer strebt, auch unbewusst. Schönheit seiner Werke funktioniert durch starke Kontraste. Hässlichkeit ist gefragt, die keinesfalls wertend mit der Qualität etwas zu tun hat. Gute Hässlichkeit ist schwerer zu erreichen als Schönheit, wenn sie gelingt, sorgt sie für starken Eindruck, erzeugt den Kontrast und so erlebt man die Schönheit stärker. Betrachtet man die Ausstellungswerke, versteht man sofort, was der Künstler meint.
Behmoth. von Mäusen und Menschen – Tanja Fender
08.02.2020 – 14.03.2020
Münchener Str. 68, 83022 Rosenheim
Mi–Fr 10–18 Uhr | Sa 10–14 Uhr u.n.Vbg.
-
Das Wort „Behemoth“ stammt aus dem Hebräischen und bedeutet ursprünglich so viel wie „Tiere“. Im Buch Hiob im Alten Testament werden dem klagenden Hiob zwei ungeheuerliche Wesen zur Einschüchterung als Zeichen der Allmacht Gottes vorgeführt: das Monstrum des Wassers Leviathan und das Monstrum des Landes Behemoth. Dort wird auch erwähnt, dass Behemoth die erste Kreatur Gottes in der Schöpfungsgeschichte sei, erschaffen noch vor dem Menschen. Unzähmbarkeit, Übergröße und Überstärke sind seine wichtigen Charakteristika, „seine Knochen sind wie eherne Röhren“ und er vereint in sich Merkmale verschiedener Tiere. 1 Kulturhistorische Interpretation dieser Kreatur ist vielfältig. Er wird in den mittelalterlichen Schriften als Erstling Gottes und als Endzeitmonster am Jüngsten Gericht erwähnt, wodurch er den Anfang und das Ende der Schöpfungsgeschichte markiert.2 Er gilt als eine Verkörperung der Naturgewalten: unzähmbar, animalisch und furchterregend. Die biblische Beschreibung liefert eine seltsame Erhabenheit und Ästhetik, denn das Tier haust zwar in den unwirtlichsten Landstrichen, sucht aber Ruhe und Abkühlung im unter Lotosbüschen.3 Zusammengesetzt aus verschiedenartigen Tierkörperteilen, was nicht zwangsläufig als eine Harmonie verstanden wird, steht er auch für den inneren Antagonismus und taucht im 17. Jahrhundert als Metapher des Bürgerkrieges in der Schrift des Staatstheoretikers Thomas Hobbes auf.4 Die bekannteste Darstellung eines Behemoth in der Bildenden Kunst stammt aus dem 19. Jahrhundert von William Blake. In der Literatur ist in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ der dämonische, übergroße schwarze Kater unter dem Namen Behemoth bekannt. Er ist ein Gestaltenwandler und gehört zum Gefolge des Teufels Woland, dessen Tun darauf gerichtet ist, nicht selbst Böses anzurichten, sondern die Hässlichkeit der menschlichen Natur zu entlarven. Sprachlich ist das Wort heute unterschiedlich verankert, bezieht sich jedoch etymologisch auf die biblische Kreatur. In der slawischen Sprachfamilie ist es eine Bezeichnung für ein Nilpferd, ein großer exotisches Tier. Aus dem Englischen lässt sich das Wort als „Riese“ und „Ungeheuer“ übersetzen. Das Konzept der Ausstellung greift diese Vielfalt und Ambivalenz auf. Tanja Fender kreiert in ihren Tierplastiken und Aquarellen Bildwelten, die zwischen Gewalt und Zärtlichkeit angesiedelt sind. Sie verblüffen mit ihrer extremen Körperlichkeit und der Eindringlichkeit der Gesten. Körper und Gefühle werden entblößt, das irritiert und verunsichert. In der Skulptur wird diese Wirkung zum einen durch das Vermischen von menschlich-tierischen Zügen und Eigenschaften erreicht. Zum anderen durch die Materialität der Kunstwerke. Die Künstlerin arbeitet mit Silikon, Wachs und Kunstpelz. Vor allem Silikon ist ein Material mit einer Diskrepanz zwischen dem Erscheinungsbild und der tatsächlichen Beschaffenheit, das haptisch morbide bis kantig und optisch rau bis glatt sein kann. Eine nackte Maus mit ihrer rosa Silikonhaut wirkt schutzlos und hilfsbedürftig, vielleicht auch widerwärtig, dennoch verliert das Tier nicht seine Würde. Die Größe der Skulptur, ihre menschliche Sitzhaltung, das Inkarnat und ebendiese Schutzlosigkeit lassen sie wiederum mit einem Kleinkind vergleichen, was weitere Verwirrung stiftet und Unbehagen auslöst. Ein Welpenembryo aus Glas mit seiner durchscheinenden Haut ist ein Bild der Unschuld. Die offensichtliche zur Schaustellung des Wesens wirkt aber verunsichernd. Wolfsköpfe – eine Keramikserie, die extra in Vorbereitung für diese Ausstellung entstanden ist – sind formschön, ihre Mimik macht neugierig, Kleinformat wirkt beinahe dekorativ. In der Kunst werden diese Tiere bewundert, in der freien Natur dagegen immer wieder zum Abschuss freigegeben, weil der Mensch darin eine meist nicht rechtfertigte Bedrohung für sich sieht. Nicht nur äußerliche tierische und menschliche Merkmale werden in den Kunstwerken von Tanja Fender vermischt. Gefühle und Instinkte, moralische Vorstellungen und Charaktereigenschaften überlappen sich hier. Aus der menschlichen Perspektive mit ihren Normen erscheint uns manches Tierverhalten grausam. Dabei sind so viele Tierinstinkte von so viel beneidenswerter Güte geprägt, von der ein Mensch nur träumen kann. So wirkt der menschengroße weiße Bär mit erhobener Pranke unheimlich. Dabei ist der ökologisch gefährdete Riese in dem Fall ein Beschützer, er drückt behutsam eine Wickeldecke an die Brust, darin ein kleines menschliches Kind, ein Selbstbildnis der Künstlerin. Außer Skulpturen werden großformatige Zeichnungen in reduzierter Farbigkeit ausgestellt. Schwarz-Weiß-Töne dominieren, Akzente werden vor allem in Rosa gesetzt. Ein Schweinebauch mit Gesäuge, ein männlicher Unterleib mit einem aus der Wäsche hervorschauenden Genital, eine Pandamutter, die ihr neugeborenes Junges im Maul trägt – also ob sie es fressen wollte, denkt man unfreiwillig – die Arbeiten üben eine ähnliche Wirkung aus, wie oben beschriebene Skulpturen. Sie bringen uns in Verlegenheit und lösen jenes Kopfkino aus, bei dem man nach dem Ursprung dieser Bildwelten sucht, die Geschichte davor wissen möchte und sich gleichzeitig vor ihr fürchtet, denn je länger man sich mit den Bilder beschäftigt, desto mehr drängt sich die Frage auf, wer denn hier wirklich mit „Ungeheuer“ gemeint ist. Die Werke liefern keine Antworten, sondern lösen Fragen aus. Die Künstlerin illustriert keine Literaturvorlagen und auch nicht das Tagesgeschehen. Vielmehr reagiert sie intuitiv uns sehr sensibel darauf. Nicht zu verachten – manchmal auch mit einem Augenzwinkern. All die Protagonisten dieser Arbeiten sind gleichwertige Teilhaber, Zeugen und Sinnbilder dieser Welt und unserer täglichen Existenz, sagt Tanja. Weitere Interpretation ist uns überlassen. ©Olena Balun
1 AT, Buch Hiob, 40.
2 Vgl. Horst Bredekamp: Der Behemoth: Metamorphosen des Anti-Leviathan, Berlin 2016, S. 21, 34.
3 AT, Buch Hiob, 40:23 und Vgl. Bredekamp 2016, S. 10
4 Vgl. Bredekamp 2016, S. 39.
Mein spiel,meine Regeln: ich baue mir die Welt… – Damaris Odenbach
26.10.2019 – 23.11.2019
Sedanstr. 1, 83022 Rosenheim
Mo-Fr 9-18 Uhr u.n.Vbg.
© Damaris Odenbach
© Damaris Odenbach
-
Die Kölner Künstlerin Damaris Odenbach zeigt in der Ausstellung „Mein Spiel, meine Regeln“ Modellfotografien. Dafür kreiert sie in aufwendiger Handarbeit Miniaturräume, die anschließend Filmset-ähnlich inszeniert werden, fotografiert und großformatig auf Alu-Dibond aufgezogen oder seltener auf Papier gedruckt werden. Die Auflage der Werke ist streng limitiert, und nachdem das Foto produziert wird, werden die Modelle zerstört, was ein Teil des Konzepts ist. Modellfotografie ist selten. Auch selten in Ausstellungen zu sehen, obwohl so prominente Künstler wie David La Chapelle oder Thomas Demand sich ihr widmen. Auch die Kunsttheorie verrät wenig über diese Gattung. Als hybride, grenzübergreifende Kunst, die Modellbau und Fotografie verbindet, mit Illusionsmitteln arbeitet, aber keine absolute Realitätstäuschung als Ziel verfolgt, wird sie mit Definitionsschwierigkeiten konfrontiert. Und die Nähe zu einer beliebten Hobbytechnik und Miniaturwelten der Technikmuseen steigert manche Rezeptionshemmungen. Zu Unrecht. Modelle kennt die Kunstgeschichte schon lange als bewährte Hilfsmittel: Architekturmodelle und Dioramen. Sie sind anschaulich, pädagogisch oder auch unterhaltsam. Bei Modellfotografie erfüllt jedoch das Modell nie einen Selbstzweck, das Endprodukt ist immer die Fotografie. Darum sind z.B. Damaris Odenbachs Konstruktionen nie auf Allansichtigkeit angelegt wie Architekturmodelle oder Dioramen, sondern zielen auf einen bestimmten Blickpunkt, den die Kamera fixieren soll. Oft sind mehrere hundert Aufnahmen notwendig, bis die endgültige Komposition mit gewünschter Wirkung entsteht. Digitale Bearbeitung wird in der Modellfotografie nicht verwendet. Maximal ist ein geringer Eingriff bei der Kontrastkorrektur möglich. Und für diese Bilder gelten andere Regeln als für herkömmliche Fotografie allein dadurch, dass fiktive Bildwelten nach anderen Mechanismen funktionieren. Irritation ist wichtig, Unschärfe ist oft gewollt, manche Details werden bewusst verschleiert.
Manche Arbeiten verblüffen mit täuschender Realitätsnähe. Bei anderen wirkt eher der Reiz der Kulisse. Die Künstlerin baut keine realen Orte nach, aber sie wirken oft vertraut aufgrund von einzelnen Details. Und gerade die Grenze zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, dem Realitätsnahen und dem Künstlichen macht den Reiz und die besondere Stimmung dieser Werke aus. Damaris Odenbachs Modellbilder sind meist Innenräume, immer menschenleer. Dachkammern, Klassenzimmer, Umkleidezimmer, Schwimmbäder – vermeintlich harmlose Orte des Alltags und der Freizeit – wirken bei ihr immer verlassen, verfallen. Diese „Lost Places“ (ein Begriff aus der populären Richtung der zeitgenössischen Fotografie) sind mit abblätternden Tapeten, verschlissenen und verstaubten Möbeln ausgestattet. „Patina reinzukriegen, das Dreckige, Verrotzte“ ist essenziell für diese Bilder sagt die Künstlerin (Gespräch mit Sarah Waldschmitt), diese Merkmale machen den Stil der Künstlerin aus. Die Räume werden mit einem intensiven, dramatischen Licht inszeniert, so dass die Wirkung mit der einer unheimlichen dystopischen Filmkulisse vergleichbar wird. Der Eindruck, man müsse sich in Acht nehmen, wird durch verharmlosende Details gesteigert wie eine Blümchentapete oder niedlich wirkende Kindermöbel. Das vermeintliche Idyll dieser Räume ist jedoch sichtbar ins Ungleichgewicht geraten und vermittelt das Gefühl, etwas Unheimliches würde dahinter lauern. So setzt die Künstlerin unser Kopfkino in Bewegung. Jeder darf der eigenen Phantasie folgen, obwohl diese oft beängstigend wird. Und gerade die Künstlichkeit einzelner Elemente wirkt beruhigend, sie schafft Distanz und erinnert uns daran, dass es immer noch eine Kulisse ist.
Der Verfall in diesen Bildern hat aber auch seine glamourösen Seiten. Einerseits sorgt dafür die Hochglanzoberfläche der produzierten Werke. Andererseits sind es Details, die einen subtilen Humor ins Spiel bringen. In einer Dachstube steht z.B. ein Lounge Chair von Eames, und an der Wand hängt ein Bild von Picasso. Im Teich versenkte Autos der „Car Accidets“-Reihe sind schicke Oldtimer, die man am liebsten retten würde. Die „Car Accidents“ ist eine neue Serie, die 2019 begonnen wurde, und die Auseinandersetzung der Künstlerin mit dem Außenraum, mit der freien Natur zeigt. Hier experimentiert sie mit realen Licht- und Wetterverhältnissen, versucht so viel wie möglich Natur miteinzubeziehen und die Grenze zwischen echt/unecht sowohl zu kaschieren als auch für den Überraschungseffekt zu nutzen. Letzteren erlebt man, wenn man bei aufmerksamer Bildbetrachtung der Größenverhältnisse in der Landschaft bewusst wird.
Für die Ausstellung bringt die Künstlerin auch einige Skulpturen mit. Feine kleine Möbel sind – mit einer Ausnahme – keine Versatzstücke der Modellwelt. Modelle werden nach dem Fotografieren konsequent in Würfel gepresst – eine wichtige Regel der Künstlerin. Diese Architekturen machen aber die Betrachter sehr neugierig. Andauernd wird die Künstlerin gebeten, einen Einblick in den Herstellungsprozess zu gewähren, Größenverhältnisse zu verraten usw. So hat sie entschieden, eine Reihe der Unikate zu bauen, die diesen Eindruck ermöglichen, und dennoch autark sind. Gepresste Modelle, teilweise mit noch erkennbaren Einrichtungselementen der ausgestellten Modellfotografien, werden in der Ausstellung ebenfalls gezeigt.
Die Spannung zwischen der Puppenstubengröße der Modelle, der morbiden Ästhetik, der gewollt künstlichen und täuschend echt wirkenden Elementen sind Teil des Spiels, in welches uns Damaris einlädt und dessen Regeln sie auch bestimmt.
Imago. Metamorphe Bilder – Peter Pohl & Christian Hess
05.04.2019 – 09.05.2019
Sedanstr. 1, 83022 Rosenheim
Mo-Fr 9-18 Uhr u.n.Vbg.
© Peter Pohl
© Christian Heß
-
Der Begriff „Imago“ bedeutet in der Übersetzung aus dem Lateinischen so viel wie „Bild“ oder „Abbild“. Er wird auf verschiedenen Gebieten als Fachterminus benutzt. Sprachhistoriker verweisen bei der Etymologie gern auf Ovids Metamorphosen, weil der antike Autor ein sehr gekonntes Spiel mit der Bandbreite des Begriffs betreibt, was dessen Bedeutung für spätere Wortnutzung prägt, und andererseits in den Mythen auf die Komponente der Verwandlung eingeht. Im Antiken Rom wurde das Wort zur Bezeichnung der Totenmaske benutzt, die Verstorbenen aufs Gesicht gelegt wurde. Einerseits kaschierte sie die Verwesung, andererseits war das ein Stellvertreterobjekt, das dem Verstorbenen eine symbolische Teilnahme an der eigenen Bestattung erlaubte. Danach wurden solche Imagines von der Familie als Erinnerungsbilder zu Hause aufbewahrt. Die Psychologie hat diese Vorstellung vom Erinnerungsbild für sich adaptiert. Carl Gustav Jung verstand unter Imago das Phänomen des unterbewussten Bildes, das in Erinnerung aufkommt, wenn wir an einen bestimmten Menschen denken. In der Zoologie beschreibt Imago das letzte Stadium des erwachsenen Insekts nach der Verpuppung. Es bedeutet soviel wie „so sieht ein Tier dieser Art aus“. Die Ausstellung bezieht sich auf mehrere Facetten des Begriffs. Die Werke beider Künstler resultieren aus der tiefen Naturverbundenheit, sind jedoch keine Naturstudien, sondern ein sehr persönlicher Zugang zum gegebenen Naturbild, das als interpretiertes Abbild eine abstrahierte Form annimmt. Für Peter Pohl sind Insekten seit mehreren Jahren die wichtigste Inspiration. Ohne sie direkt nachzubilden, schafft er „flügelnde, spiegelnde“ Plastiken,2 die an Chitinpanzer der Käfer erinnern. Sein Wohn- und Arbeitsraum ist voll mit Insektenkästen. Käfer, Heuschrecken, Schmetterlinge werden genauestens studiert, in zahlreichen Skizzenbüchern festgehalten, dekomponiert, um im Prozess einer „intensiven Figurationsdynamik“ „als dramatisch herausisolierte Details“, wie Hanna Stegmayer schreibt – auf die Leinwand oder in Plastiken übertragen zu werden.3 Der Künstler gibt zu, sie gerade deshalb so interessant zu finden, weil sie den formalen Aspekt beinhalten, den er immer gesucht hat: ständige Variation der Form durch minimale Verstellung der Gliedmaßen, Farben, Handhabung der Symmetrie. Alle Insektenkörper sind meist auf Symmetrie angelegt, aber selten ist sie perfekt und gerade diese Abweichung macht sie spannend, oft überraschend schön. Die Insektenwelt ist für Peter ein kleines Universum, ein Teil der Wirklichkeit, er sieht darin Metamorphosen und Lebenszustände „...eben diesen Kreislauf, in dem auch Systeme aufgebaut werden. Diese Sachen haben doch auch sehr viel mit mir als Mensch zu tun.“ - sagt Peter im Interview mit Rainer Malkowski.4 Für die Ausstellung IMAGO schuf der Künstler unter anderem zwei Objekte, die nach dem Prinzip entomologischer Kästen aufgebaut sind. Er betont auch gern, es sei eine Trophäensammlung, aber ohne zu töten. Nach einem naturwissenschaftlichen Prinzip aufgereiht, jedoch ohne empirischen Anspruch. Der Künstler arbeitet mit Schalungen, die die Form der Insektenpanzer nachahmen, legt Tüll hinein – beides, um eine Form und Oberfläche zu erzeugen, die dem Vorbild nahe steht, und dann wird Porzellan hineingedrückt und mit den Händen bearbeitet, bis der Künstler zufrieden ist. Jede Plastik ist eine vollendete Metamorphose. Wie ein Insekt, und doch nicht ganz. Wie ein Gesicht oder eine Maske, ein Imago. Jede ist individuell, der Künstler sieht sie doch wie kleine Selbstbildnisse, was kafkaesque Assoziationen anmutet. Als Pendant dazu bietet Christian Heß eine Blütenschau in Form einer skulpturalen Edition und einer Installation. Aus dem fest installierten „Kunstrasen“ lässt er glänzende bunte Gipsplastiken wachsen. Der aufmerksame Betrachter wird ein charmantes Detail darin entdecken: in den Bogenprofilen dieser Skulpturen verbirgt sich immer eine Herzform. Die Herzform ist ein sich wiederholendes Motiv bei Christian Heß. Die Entscheidung zu dieser Wahl fiel aus widersprüchlichen Gründen. Zum einen reizte den Künstler die lakonische Schönheit der Form. Symbolisch ist das Herz jedoch stark belastet, zuweilen bis zur Abwertung. Diesem Kitsch-Image wollte der Künstler trotzen. Seine Herzen werden perfekt geformt, aber nie explizit gezeigt. Sie werden in größeren Formen versteckt, diese wiederum werden zerlegt, in sich gedreht, neu zusammengesetzt oder nur teils verwendet. Der Christian gibt zu, in diesem Prozess dem eigenen Spieltrieb und Vorliebe für Baukastensysteme nachzugehen. Die Betrachter werden in ein Gedankenlabyrinth gelockt. In der Ausstellung werden zum großen Teil Werke in Rottönen gezeigt. Sowohl in der Zeichnung als auch in der Skulptur verwendet der Künstler diese Farbe in seinem Oeuvre am häufigsten. Christian Heß liebt diese Farbe für ihre Kraft, sagt er in einem Gespräch, aber auch dafür, dass sie trotz dieser Kraft nicht so endgültig sei wie Schwarz.5 Er schätzt die Lebendigkeit ihrer Nuancen. Bedenkt man all das, ist der Vergleich der botanisch angehauchten Kunstraseninstallation mit pulsierenden Adern gar nicht so abwegig.
1 Vgl. Florian Cramer: Der Begriff Imago, 2000 www.cramer.pleintekst.nl/all/imago/imago.html [25.03.2019]
2 Bodo Hell, in: Kat. Ausst. Gleitflug, Rosenheim 2012, o.S.
3 Hanna Stegmyaer: Peter Pohl, Rosenheim 1996, o.S.
4 Interview mit Rainer Malkowski, in: Kat. Ausst. Peter Pohl. Grenzgänge, hg. vom Kunstverein Rosenheim, Rosenheim 1994, o.S.
5 Gespräch zur Ausstellungskonzeption mit Christian Heß am 8. März 2019.
Iron Butterflies - Eva Gentner
21.03.2019 – 30.03.2019
Smudajescheck München, Schwindstr. 3 | U2 Theresienstr.
DO/FR 11 – 18 h | SA 11 – 16 h, MI n. V.: 0176 - 27 03 00 28
© Eva Gentner
© Eva Gentner / Tänzerin: Miriam Gronwald
-
Eva Gentners Hauptanliegen ist das sinnliche Erlebnis der Materialität. Dabei setzt sich die Künstlerin intensiv mit dem Sinnbild der Haut als Berührungsorgan auseinander. Sie schafft flexible Betontextilien aus dünn gegossenem Zement mit angemischten Pigmenten auf Jute. So entstehen Reliefs mit faltigen, hautähnlichen Strukturen, die mit einer Fragilität überraschen und ein taktiles Bedürfnis evozieren. Auch Kleidung gehört zu den zentralen Themen der Künstlerin. Zementkimonos werden in der Ausstellung skulptural installativ präsentiert, zudem erlaubt eine Videoarbeit den Einblick in die Zusammenarbeit mit Tänzern, die diese Körperarchitekturen zum Leben erwecken.
Gert Wimmer
8.12.2018 –28.12.2018
© Gert Wimmer
-
Für den Advent 2018 hat KunstSchauFenster eine Überraschung vorbereitet. Diesmal wird im kleinen Schaufensterformat im Strickraum, dem Kreativlabor für Strick im Esbaum-Viertel, eine Weihnachtsausstellung mit Kunstschaukästen von Gert Wimmer gezeigt.Gert Wimmer kennen viele Rosenheimer dank seiner klein- bis mittelformatigen Assemblagen, in denen der Künstler poetisch und humorvoll Versatzstücke unseres Alltagslebens verarbeitet. Vergleichbar mit der Tradition der Arte Povera schafft er Werke, in denen vermeintlich „armes“ Material aus Flohmarktfunden, Weggeworfenem und „Edelschrott“ verarbeitet wird. Durch oft unerwartete ästhetische Konstellationen verleiht der Künstler ihnen eine neue Wertigkeit. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen Werke, deren Ästhetik, Material und Symbolik weihnachtlicher Thematik nahe sind. Monstranzen-artige Guckkästen werden in den Schaufenstern zu größeren Kompositionen arrangiert. Diese Installationen wirken vertraut und überraschend zugleich, animieren zum Schauen, Entdecken und Nachdenken, sie zeigen wie banalste und unbedeutendste Dinge sich zu einem bedeutungsvollen Element in dem entstandenen Kunstkontext transformieren können.
Das ist alles nur in deinem Kopf – Hannes Stellner & Bernhard Paul
3.11.2018 – 30.11.2018
© Hannes Stellner, Installation the carpet too is moving under you, Kunstraum Klosterkirche Traunstein, 2005, Foto Klaus-Maria Einwanger
© Bernhard Paul, modus L2, Lithografie
-
Die Ausstellung „Das ist alles nur in deinem Kopf“ zeigt Werke der zwei Rosenheimer Künstler, Hannes Stellner und Bernhard Paul. Das zentrale Thema der Schau ist die Versinnbildlichung der akustischen Empfindungen in der Malerei, Grafik und Bildhauerei. Trotz Wahrnehmung durch unterschiedliche Sinnesorgane sprechen wir sowohl in der Bildenden Kunst als auch in der Musik vom Ton und seiner Färbung, vom rhythmischen Aufbau der Komposition und der Harmonie. Immer wieder nimmt die Bildende Kunst die Herausforderung an, musikalischen Klang durch vermeintlich „stille“ Medien zu wiedergeben. Das wohl bekannteste Beispiel dafür war Wassily Kandinsky. Für Bernhard Pauls Malerei hat Musik eine enorme Bedeutung. Steve Reich, Frank Zappa, John Cage sind Musiker, die seine Bilder inspiriert haben und deren Kompositionen namensgebend für seine Gemälde waren. Ganz besondere Rolle räumt der Künstler den Werken des deutschen Komponisten Wolfgang von Schweinitz ein, dessen langgezogenen Töne mit der „Neuen Musik“ der Avantgarde des frühen 20. Jahrhundert vergleichbar sind. Von Schweinitz' Kompositionen klingen wie ein Orchester, das sich einstimmt, wie ein Herantasten an eine Tonfolge. Um eine Melodie darin zu erfassen, muss sich der Zuhörer auf die Musik einlassen, ihr Zeit geben.
Bernhard Paul geht ähnlich in seiner Malerei vor. Seine Werke basieren auf einer Abfolge langgezogener, fein nuancierter Linien mit einer subtilen rhythmischen Struktur, die bei längerer Betrachtung immer stärker hervortritt. Wie von Schweinitz in der Musik tastet sich Bernhard Paul in der Malerei an ein harmonisches System heran. Und ähnlich wie der Komponist macht Paul den Entstehungsprozess des Kunstwerkes sichtbar. Die kompositionsbildenden Linien legen offen, an welcher Stelle der Pinsel angelegt und wie lange er ausgestrichen wurde, wie viel Druck die Künstlerhand ausgeübt hat. Diese Werke offenbaren eine große Präzision: jeder Pinselstrich ist eine Entscheidung. Gearbeitet wird auf einer ungrundierten Leinwand, die wenig Korrektur erlaubt. Aber vor allem zeigt diese Arbeitsweise, dass ein Kunstwerk trotz Gefühle und künstlerischer Freiheit nicht willkürlich ist. Dasselbe trifft bei der Musik zu. Jedes „funktionierende“ Kunstwerk ist ein System, auch wenn es nicht sofort erkennbar ist, sagt Bernhard Paul.
Die Palette der Ausstellung „Das ist alles nur in deinem Kopf“ ist reduziert, dominierende Töne sind schwarz und weiß, aber auch die sind fein nuanciert mit zahlreichen Schattierungen. Der Klang ist dementsprechend sehr subtil, ein großer Akzent liegt auf der rhythmischen Gestaltung. Schwarz-weiße Arbeiten malt der Künstler erst seit wenigen Jahren. Die Initialzündung war eine Vorzeichnung für ein buntes Gemälde. Diese Vorarbeit hatte eine beeindruckende Wirkung mit wenigen Strichen erreicht. Als Folge entstand 2014 die „modus“-Serie, die einen vielfältigen Minimalismus an den Tag legt. Hier tritt die technische Präzision umso stärker hervor und lässt grafische Wurzeln des Künstlers erkennen und seine Herkunft aus dem Offsetdruck (Vgl. Hanna Stegmayer 2010). Anlässlich der aktuellen Ausstellung schuf Bernhard Paul zwei Editionen, die eine technische Herausforderung darstellten, langgezogene, fein differenzierte Pinselstriche in die Drucktechnik der Lithografie zu übertragen. Das Ergebnis lässt staunen.
Wenn Bernhard Pauls Werke eine subtile Auseinandersetzung mit akustischen Erlebnissen zeigen, geht Hannes Stellner auf den ersten Blick viel direkter mit dem Thema um. Seit Jahren arbeitet der Künstler immer wieder an dem Motiv des Ohres. In verschiedenen Größen und aus verschiedenen Materialien wird das Ohr als ein vielfältiges Metapher in den Raum gestellt. Die symbolische Kraft der Werke entfaltet sich situationsbedingt. Sie sind eine Aufforderung zum Aufhorchen und zugleich eine unmittelbare Verkörperung des Hörsinns an sich. In der Kunstgeschichte gilt die Fähigkeit Ohren und Hände gekonnt darzustellen als Beweis für künstlerische Tauglichkeit, weil diese Körperteile nicht gerade einfach zu zeichnen bzw. zu modellieren sind. Hände werden öfter dargestellt als Ohren. Beides hat in der Kunst eine spezielle Aura. Aber wenn die Künstlerhand Assoziationen mit der Schöpfung mit den Renaissance-Meistern wie Michelangelo erweckt, führt das Künstlerohr schnell zu Van Gogh und somit zum Sinnbild der künstlerischen Sensibilität und Verletzlichkeit.
Auch für Hannes Stellner steht das Ohr als pars pro toto für den Menschen und seine Wahrnehmungsfähigkeit. Eines der besonders berührenden Werke der Ausstellung ist eine Sammlung der Abgüsse der Ohren der Schüler des Künstlers, ursprünglich ein Geschenk an den Lehrer. Jedes Ohr ist mit einem dazugehörigen Namen versehen, so dass die Arbeit einem Gruppenporträt ähnlich ist. Sie verfügt über einen subtilen Humor, greift aber auch tiefer. Sein Körperteil isoliert und schutzlos den anderen zu präsentieren erfordert Mut. Der Lehrer wusste die Geste zu würdigen und umschloss die Sammlung behutsam in einen Schmetterlingskasten.
Der Schmetterling hat zwar keine direkten Berührungspunkte mit dem Hörsinn oder der Musik, aber in beiden Fällen ist die Rede von etwas fragilem, flüchtigem. Gerade weil der Klang etwas ephemeres ist, ist seine Darstellung in einem bildnerischen Medium umso schwieriger. Wenn man im Laufe der Kunstgeschichte bei den gegenständlichen Werken nicht die Musikinstrumente zu diesem Zweck verwendete, dann waren es Ohren der handelnden Personen, die durch Positionierung im Bild, perspektivische Drehung und technische Feinheit auffällig in den Vordergrund gerückt wurden. Hieronymus Bosch trieb dieses Prinzip in seinem Triptychon „Garten der Lüste“ bis an die Spitze. Zur Darstellung der „musikalischen Hölle“ (Martina Conrad) hat er einer Anhäufung der Musikinstrumente zwei überdimensionale, vom Körper losgelöste Ohren gegenübergestellt. Die Größe der Ohren steht sowohl für die extreme Empfindlichkeit als auch für den Ausmaß der herrschenden Kakofonie. Der stechende, schneidende Schmerz wird durch einen Pfeil, der die Ohren durchbohrt und ein Messer, das zwischen ihnen steckt, verkörpert. Jegliches Gleichgewicht, für das übrigens das Ohr physikalisch steht, gerät in diesem Werk aus den Fugen. Die großformatigen Ohrenskulpturen von Hannes Stellner suggerieren definitiv auch eine starke Empfindlichkeit. Er verzichtet in seiner Arbeit auf das Beiwerk wie Musikinstrumente und bleibt lakonisch. Die Oberfläche seiner Plastiken lässt aber den suggerierten Klang nachfühlen. Glattes weißes Stuckgips hört sich anders an als raues, körniges Quarzsand wie beim Werk "Teneriffa“, das schon beim Betrachten ein leises Rauschen in unseren Ohren herauskitzelt. So bekommt der Klang taktile Qualitäten.
Für Hannes Stellner ist das Ohr, das einen Übergang zwischen der inneren und äußeren Welt markiert, mit einem Kunstwerk vergleichbar, das eine Projektionsfläche zwischen der Ideenwelt des Künstlers und des Betrachters ist. Im Sinne von Kandinsky: berührt der Künstler durch Form und Farbe seines Werks die Saiten der Seele des Betrachters, gleicht die Wirkung einem musikalischen Erlebnis. Entstehende Melodie bei den „Hörbildern“ wird bei jedem Beschauer eine eigene sein und spielt sich nur in seinem Kopf ab.